Gehen Sie in den Bereich „Bildung” eines beliebigen App Stores und Sie finden mehr als eine halbe Million Apps, die behaupten, Ihrem Kind etwas beizubringen. Der Bildungsausschuss des britischen Parlaments hat kürzlich auf das offensichtliche Problem hingewiesen: Es gibt keinerlei Qualitätsstandards, die eine App erfüllen muss, bevor sie sich das Etikett „pädagogisch” verpasst. Das Wort ist in der Praxis ein Marketingbegriff.
Die Frage lautet also nicht länger „Wie viel Bildschirmzeit ist zu viel”, sondern eine viel präzisere: Von der gesamten Zeit, die mein Kind vor einem Bildschirm verbringt, wie viel davon bringt ihm tatsächlich etwas bei?
Die Forschung hat darauf eine ziemlich klare Antwort. Eine gute Lern-App kann beim frühen Rechnen, beim Spracherwerb und bei der Lesekompetenz wirklich etwas bewirken. Die meisten „pädagogischen” Apps in den Stores sind allerdings nicht so gut. So unterscheiden Sie die einen von den anderen.
Was macht eine Lern-App tatsächlich pädagogisch wertvoll?
Eine gute Lern-App leistet vier Dinge gleichzeitig. Sie fordert Kinder auf, aktiv zu denken, statt nur zu tippen. Sie hält sie konzentriert auf ein klares Lernziel, ohne ablenkenden Schnickschnack. Der Inhalt ist bedeutungsvoll und mit etwas verknüpft, das Kinder bereits kennen oder das ihnen wichtig ist. Und sie lässt Raum für soziale Interaktion, damit ein Elternteil, ein Geschwister oder ein Klassenkamerad mitmachen kann.
Das ist der Rahmen der vier Säulen des Lernens („Four Pillars of Learning”). Kathy Hirsh-Pasek und ihre Kolleginnen und Kollegen haben ihn 2015 in Psychological Science in the Public Interest veröffentlicht. Er ist zur Standardlinse geworden, durch die Forschende beurteilen, ob eine App zu der Art passt, wie kleine Kinder tatsächlich lernen. Die Säulen lassen sich leicht merken: aktives, engagiertes, bedeutungsvolles und sozial interaktives Lernen – immer ausgerichtet auf ein klares Ziel.
Forschende haben diesen Rahmen später auf die meistgeladenen Kinder-Apps aus dem Google Play Store und dem Apple App Store angewendet. Das Ergebnis war wenig schmeichelhaft. Die Gesamtwerte lagen über alle vier Säulen hinweg niedrig. Kostenlose Apps schnitten am schlechtesten ab, vor allem weil sie sich mit ablenkenden Animationen, Pop-ups und Figuren überladen, die die Aufmerksamkeit vom eigentlichen Lernen wegziehen.
Anders gesagt: Die meisten Apps, die pädagogisch aussehen, fallen im Test durch.
Helfen Lern-Apps Kindern wirklich beim Lernen?
Die ehrliche Antwort lautet: die richtigen, ja. Die meisten, nein.
Eine Übersichtsarbeit unter Leitung von Forschenden am Center for Children and Families der Florida International University hat 35 Studien mit fast 5.000 Kindern unter sechs Jahren ausgewertet. Sie fanden echte Lernvorteile. Die stärkste Evidenz gab es für frühes Rechnen, gefolgt von frühen Sprach- und Lesefähigkeiten wie Buchstabenkenntnis, phonologischem Bewusstsein und Wortschatz.
Dieselbe Forschungslage zeigt aber auch immer wieder, dass die Qualität von App zu App enorm schwankt. Penn State und Education Week fassen das Feld auf etwa dieselbe Weise zusammen. Die meistplatzierten „pädagogischen” Apps in den Charts halten oft nicht, was sie versprechen. Eltern sollten nicht annehmen, dass das Etikett irgendetwas bedeutet.
Die Erkenntnis ist unbequem, aber nützlich. Was Ihr Kind nutzt, ist weit wichtiger als wie lange es das nutzt.
Wie viel Bildschirmzeit ist für Kinder in Ordnung?
Die American Academy of Pediatrics – auf Deutsch der US-amerikanische Berufsverband der Kinderärztinnen und Kinderärzte, kurz AAP – hat sich kürzlich von strikten Minutenzählerei zu etwas Sinnvollerem hinbewegt. Der neue Fokus liegt auf Qualität, Kontext und Gespräch. Altersbasierte Grenzen bestehen weiterhin als Orientierung:
| Alter | Empfehlung der AAP |
|---|---|
| Unter 18 Monaten | Keine Bildschirme, außer Videoanrufe mit der Familie |
| 18 Monate bis 2 Jahre | Nur hochwertige Inhalte, gemeinsam mit einem Erwachsenen geschaut |
| 2 bis 5 Jahre | Bis zu 1 Stunde pro Tag hochwertige Inhalte, idealerweise gemeinsam |
| 6 Jahre und älter | Beständige Grenzen, wobei Bildschirme Schlaf, Bewegung, Hausaufgaben oder Familienzeit nicht verdrängen sollten |
Die AAP bietet zudem eine einprägsame Kurzformel namens 5 Cs of Media Use:
- Child (Kind). Das spezifische Alter und Temperament Ihres Kindes.
- Content (Inhalt). Ist das, was es nutzt, überhaupt gut?
- Calm (Ruhe). Hilft der Bildschirm bei der Selbstregulation oder schadet er ihr?
- Crowding Out (Verdrängung). Was ersetzt die Bildschirmzeit?
- Communication (Kommunikation). Sprechen Sie mit Ihrem Kind über das, was es nutzt?
Der letzte Punkt leistet einen großen Teil der Arbeit. Kinder lernen messbar mehr von Bildschirmen, wenn ein Erwachsener engagiert mit dabei ist. Fachleute nennen das Co-Viewing (gemeinsames Anschauen) oder Co-Playing (gemeinsames Spielen).
Wie wähle ich eine gute Lern-App für mein Kind aus?
Hier ist eine praktische Checkliste. Sie stützt sich auf Empfehlungen der NAEYC, der US-amerikanischen National Association for the Education of Young Children (Berufsverband für frühkindliche Bildung), sowie auf Common Sense Media. Bevor Sie Ihr Kind eine App regelmäßig nutzen lassen, arbeiten Sie diese Fragen durch.
1. Hat sie ein klares Lernziel? Eine gute App kann in einem Satz sagen, was sie vermittelt. „Münzen bis 50 Cent zählen.” „Buchstabenlaute A bis M.” Wenn die Beschreibung vage ist, wie „lustige Lernabenteuer!”, seien Sie skeptisch.
2. Fordert sie das Kind zum Denken auf, nicht nur zum Tippen? Schauen Sie Ihrem Kind zehn Minuten beim Spielen zu. Trifft es Entscheidungen, löst kleine Probleme, wendet es das gerade Gelernte an? Oder wird es unterhalten, während die App die Arbeit erledigt?
3. Ist die Oberfläche aufgeräumt? Die NAEYC nennt das eine „crisp” – also klare und reduzierte – Oberfläche. Leicht hineinzukommen, leicht herauszukommen, keine Verwirrung darüber, was als Nächstes zu tun ist. Aufdringliche Pop-ups, automatisch abgespielte Videos und themenfremde Soundeffekte sind Warnsignale.
4. Lässt sich der Schwierigkeitsgrad anpassen? Gute Apps wachsen mit dem Kind. Sie bieten Stufen, Einstellungen oder adaptive Schwierigkeit, damit ein Fünfjähriger und ein Siebenjähriger nicht denselben Bildschirm sehen.
5. Wie sieht das Geschäftsmodell aus? Dieser Punkt ist wichtiger, als viele denken. Apps, die aggressiv In-App-Käufe, zeitlich begrenzte Leben oder Upgrade-Bildschirme pushen, sind um den Geldbeutel der Eltern herum gebaut, nicht um das Lernen des Kindes. Apps, die kostenlos und gleichzeitig werbefinanziert sind, sind in der Regel die schlimmsten Übeltäter.
6. Wie wirkt sie mit ausgeschaltetem Ton? Probieren Sie es aus. Wenn die App immer noch fesselnd ist und erkennbar etwas vermittelt, ist das ein gutes Zeichen. Wenn sie ohne Ton in sich zusammenfällt, haben Musik und Animationen das Unterrichten übernommen. Was bedeutet: Sie haben es eben nicht getan.
7. Lässt sie Sie gemeinsam spielen? Die besten Apps für kleine Kinder sind die, bei denen ein Erwachsener danebensitzen kann. Wenn Ihre einzige Rolle darin besteht, das Tablet zu übergeben, haben Sie die wirkungsvollste Zutat verloren.
Warnsignale, vor denen Sie zurückschrecken sollten
Eine schlechte Kinder-App erkennt man meist in den ersten beiden Minuten. Die Muster ähneln sich:
- In-App-Kauf-Aufforderungen, die das Spiel unterbrechen. Besonders die mit leuchtenden „Ja!”-Buttons und winzigen „Nein, danke”-Links.
- Werbung, die wie Teil des Spiels aussieht. Bannerwerbung, Videowerbung und „Sieh dir das für eine Belohnung an”-Anzeigen. Kleine Kinder können sie nicht zuverlässig vom Inhalt unterscheiden.
- Inhalte, die nach einem „Gratis-Test” gesperrt sind. Die Alphabet-App, die die Buchstaben A bis M lehrt und dann 4,99 € für die Fortsetzung verlangt, vergeudet die Aufmerksamkeit Ihres Kindes.
- Lizenzfiguren, die andere Produkte bewerben. Eine Zeichentrickfigur, deren Hauptaufgabe es ist, Ihnen Spielzeug, Bücher oder weitere Apps zu verkaufen, ist nicht die Lehrkraft Ihres Kindes.
- Kein Ausweg aus einer Aktivität. Wenn ein Kind in einem Unterbildschirm hängenbleiben kann, ohne erkennbaren Zurück-Knopf, hat das Design versagt.
- Vage Datenschutzerklärungen. Wenn Sie nicht erkennen können, welche Daten gesammelt werden, gehen Sie vom Schlimmsten aus – besonders bei kostenlosen Apps. Achten Sie auf COPPA-Konformität. Das ist der US-Standard, dem die meisten seriösen Kinder-Apps folgen.
Sind kostenlose Lern-Apps überhaupt gut?
Manche sind es. Viele nicht.
Die Forschung ist hier ziemlich deutlich. In der Inhaltsanalyse der bestplatzierten Lern-Apps in den App Stores von 2021, ausgewertet anhand der vier Säulen des Lernens, schnitten kostenlose Apps deutlich schlechter ab als kostenpflichtige. Der Hauptgrund waren ablenkende „Aufwertungen” wie aufdringliche Sounds, Animationen und werbegetriebene Unterbrechungen, die mit dem Lernen konkurrieren.
Das heißt nicht, dass jede kostenpflichtige App großartig ist oder dass Sie viel Geld ausgeben müssen. Es heißt: Seien Sie bei kostenlosen Apps skeptischer als bei kostenpflichtigen, und probieren Sie vor dem Kauf die Gratisversion einer Bezahl-App aus.
Eine Kategorie für sich bilden Angebote öffentlicher Anbieter. Apps von der BBC, von PBS Kids, von Museen und etablierten Bildungsverlagen verbinden oft den Preis einer kostenlosen App mit der Qualität einer bezahlten. Sie werden nicht durch Werbung oder In-App-Käufe finanziert.
Macht es wirklich einen Unterschied, gemeinsam mit dem Kind zu spielen?
Ja. Und wahrscheinlich mehr als alles andere auf dieser Liste.
Wenn Eltern während der Bildschirmzeit bei einem kleinen Kind dabei sind, benennen, was auf dem Bildschirm passiert, Fragen stellen und den Inhalt mit dem echten Leben verknüpfen, lernen Kinder messbar mehr. Ein einfaches „Schau, das ist dieselbe Form wie dein Spielzeug” reicht als Einstieg. Das gilt für Lernsendungen, Bücher und Apps gleichermaßen. Die AAP und die FIU-Forschung kommen zur selben Aussage. Ein Kind, das allein schaut, befindet sich in einer grundsätzlich anderen Lernsituation als ein Kind, das mit einem engagierten Erwachsenen schaut.
Sie müssen das nicht in jeder Sitzung tun. Schon gelegentliches Mitspielen verändert, wie Kinder an eine App herangehen. Sie beginnen, sie als etwas zu behandeln, worüber man spricht, nicht nur konsumiert.
Eine praktische Woche „Bildschirmzeit, die zählt”
Wenn Sie das einfach umsetzen wollen, probieren Sie es für eine Woche so.
- Wählen Sie eine oder zwei Apps, die Sie an der obigen Checkliste getestet haben. Löschen Sie den Rest oder schieben Sie ihn vom Home-Bildschirm weg. Wenn Sie ein iPad haben, können Sie das Gerät zusätzlich mit Geführtem Zugriff pro Sitzung auf eine App beschränken.
- Setzen Sie sich mindestens einmal pro Tag während einer Sitzung zu Ihrem Kind, während es die App nutzt. Stellen Sie ein, zwei Fragen. Mehr nicht.
- Bitten Sie Ihr Kind einmal pro Woche, Ihnen etwas zu zeigen, das es gelernt hat. Wenn es das nicht kann, ist das ein nützlicher Hinweis.
- Kombinieren Sie die App mit etwas abseits des Bildschirms. Wenn die App das Zählen von Münzen vermittelt, holen Sie hinterher echte Münzen heraus. Wenn es um Buchstaben geht, schreiben Sie gemeinsam welche. Wenn es um Geld und Einkaufen geht, probieren Sie einen Kaufladen im Rollenspiel oder eine praktische Aktivität wie unseren Leitfaden zum Münzenzählen.
Es geht nicht darum, streng mit der Bildschirmzeit zu sein. Es geht darum, dass die Bildschirmzeit, die Sie erlauben, etwas bringt. Behandeln Sie sie genauso, wie Sie jedes andere Lernmaterial behandeln würden.
Häufig gestellte Fragen
Woran erkenne ich, ob eine App wirklich pädagogisch ist?
Prüfen Sie, ob sie ein klares Lernziel hat, ob sie Ihr Kind zum Denken statt nur zum Tippen auffordert, ob sie eine aufgeräumte Oberfläche ohne störende Pop-ups oder Werbung bietet und ob Sie mitspielen können. Wenn auch nur eines dieser Kriterien nicht erfüllt ist, ist das Etikett „pädagogisch” wahrscheinlich nur Marketing.
Wie viel Bildschirmzeit sollte mein Kind pro Tag haben?
Die aktuelle Empfehlung der AAP lautet: keine Bildschirme vor 18 Monaten, mit Videoanrufen als einziger Ausnahme. Kinder zwischen 2 und 5 Jahren sollten bis zu einer Stunde pro Tag hochwertige Inhalte sehen. Ältere Kinder brauchen beständige Grenzen. Qualität und Beteiligung der Eltern sind wichtiger als die genaue Minutenzahl.
Sind kostenlose Lern-Apps überhaupt gut?
Einige sind hervorragend, vor allem die von öffentlich-rechtlichen Sendern und etablierten Bildungsverlagen. Aber die Forschung findet durchgehend, dass kostenlose Apps bei der Lernqualität niedriger abschneiden als kostenpflichtige. Werbung und In-App-Kauf-Aufforderungen lenken vom eigentlichen Inhalt ab.
Was ist der Unterschied zwischen einer als „pädagogisch” gekennzeichneten App und einer, die tatsächlich etwas vermittelt?
Es gibt keine Qualitätsstandards für das Label „pädagogisch” in den App Stores. Studien, die die beliebtesten Lern-Apps an lernwissenschaftlichen Kriterien gemessen haben, fanden heraus, dass die Mehrheit schlecht abschnitt. Behandeln Sie das Etikett als Marketing, nicht als Garantie.
Macht es einen Unterschied, ob mein Kind allein oder mit mir spielt?
Es macht einen großen Unterschied. Kinder lernen messbar mehr von Bildschirmen, wenn ein engagierter Erwachsener gemeinsam mit ihnen schaut oder spielt. Fragen stellen, benennen, was auf dem Bildschirm passiert, und den Inhalt mit dem echten Leben verknüpfen – all das hilft. Schon gelegentliches Mitspielen verändert, wie Kinder an eine App herangehen.
Was ist mit Apps, die Mathematik oder Geldkompetenz vermitteln?
Beim frühen Rechnen findet die Forschung tatsächlich die stärkste Evidenz für den Nutzen gut gestalteter Apps. Achten Sie auf dieselben Kriterien: klares Ziel, aktives Denken, aufgeräumte Oberfläche, Raum für einen Erwachsenen zum Mitmachen. Mehr zum Mathe-Aspekt finden Sie in Warum spielbasiertes Lernen für Mathe funktioniert und in unserem Leitfaden zu den besten Geldspielen für Kinder.
Wie kann ich eine App prüfen, bevor ich sie mein Kind nutzen lasse?
Probieren Sie sie zehn Minuten lang selbst aus, mit ausgeschaltetem Ton. Lesen Sie die Datenschutzerklärung. Schauen Sie nach Rezensionen auf Common Sense Media oder im Good Play Guide. Wenn Ihr Kind sie zum ersten Mal nutzt, setzen Sie sich dazu. Sie lernen mehr daraus, Ihrem Kind beim Spielen zuzusehen, als aus jeder Rezension.
Quellen
- Hirsh-Pasek, K., Zosh, J. M., Golinkoff, R. M., Gray, J. H., Robb, M. B., & Kaufman, J. (2015). Putting Education in „Educational” Apps: Lessons From the Science of Learning. Psychological Science in the Public Interest.
- Meyer, M., et al. (2021). How educational are „educational” apps for young children? App store content analysis using the Four Pillars of Learning framework. Journal of Children and Media.
- Griffith, S. F., et al. Educational apps can benefit young children: Review des FIU Center for Children and Families.
- American Academy of Pediatrics. Understanding the New AAP Digital Media Guidelines.
- CHOC Children’s. Updated AAP recommendations for screen time.
- UK Parliament Education Committee. Screen time: impacts on education and wellbeing.
- NAEYC. Selecting Apps to Support Children’s Learning.
- Common Sense Media. How We Rate and Review: Apps.
- HealthyChildren.org. Why Co-Viewing is Important.
- The Good Play Guide. How to Choose Apps for Your Child.